AOP-IGP: Vielfältige Chancen

Die Qualitätszeichen AOP (Appellation d’origine protégée) und IGP (Indication géographique protégée) sind nachhaltige Errungenschaften für Landwirtschaft, Gastronomie und Tourismus. Herkunftsgeschützte Produkte ermöglichen existenzsichernde Wertschöpfung in wirtschaftlichen Randregionen, erhalten Traditionen und Kulturlandschaften und damit auch jene Vielfalt, die die Schweiz so lebenswert und attraktiv macht.

Wer an einem schönen Frühlingstag auf einem Bänkli unter einem alten Kirschbaum sitzt, zufrieden in den blauen Himmel blinzelt und sich über die Blütenpracht freut, der erlebt die vielleicht schönste Seite von nachhaltigem Denken. Vor achtzig Jahren hat jemand diesen Baum gepflanzt und ihn über viele Jahre gehegt. Wohl im Bewusstsein, dass er auch noch lange nach seinem Tod jemandem Schatten spenden und eine Ernte ermöglichen wird. Auf diese Idee kam der freundliche Vorfahre ziemlich wahrscheinlich durch die Erfahrung eines blühenden alten Kirschbaums, den wiederum seine nachhaltig denkenden Ahnen gepflanzt hatten. Ein Kirschbaum ist – wie jeder Baum – ein starkes Bild für Nachhaltigkeit. Wer einen Baum pflanzt, kann nicht damit rechnen, dereinst seine Früchte zu ernten oder mit seinem Holz zu heizen. In einer Gemeinschaft, die über Generationen in einer Region lebt, ist es vernünftig, diesen Beitrag für seine Nachkommen zu leisten, so wie es unsere Vorfahren für uns getan haben.

Blhende Kirschbume, Streuobstwiese im Frhjahr

Weshalb Bäume pflanzen?
Doch diese grundlegende menschliche Erfahrung ist heute in vielen Teilen der Welt nicht mehr selbstverständlich. Je mobiler, städtischer und internationaler die Menschen leben, desto weniger wichtig wird nachhaltiges Verhalten. Wenn man es sich leisten kann, ist heute fast alles fast jederzeit verfügbar. Wie und wo man es produziert, verliert hingegen an Bedeutung. Wenn man alle paar Jahre von einer Metropole in die andere zieht, wie das heute Millionen von Wirtschaftsnomaden tun, dann verliert man den Sinn für das Pflanzen von Bäumen. Für wen? Weshalb? Dieser moderne, entwurzelte Lebensstil stellt nachhaltiges Denken stark in Frage, aber er hat gleichzeitig auch das Bewusstsein dafür geschärft.
Die nüchterne Einsicht in die Konsequenzen der Industrialisierung und der Globalisierung für viele landwirtschaftlich geprägte Regionen spielte eine wichtige Rolle bei den Anfängen von geografischen Herkunftsbezeichnungen und Garantien. Das begann schon erstaunlich früh.

Herkunft und Traditionen schützen
Die Geschichte des ersten Produkts mit einer regionalen Schutzbestimmung begann schon Anfang des 15. Jahrhunderts. Damals erteilte der französische König Karl VI. ein Monopol für die Produktion des beliebten und vielfach kopierten Roquefort-Käses. Schon damals war die Motivation für ein vertrauenswürdiges Siegel, die traditionellen Produzenten vor Nachahmern zu schützen und damit ihren Lebensunterhalt und damit ein ganzes regionales Wirtschaftssystem nachhaltig zu sichern. Ein zweites Anliegen, das heute noch wichtiger geworden ist, war die Gewährleistung von Qualität. 1925 wurde Roquefort das erste Produkt mit einer AOC (Appellation d’origine contrôlée). Im 20. Jahrhundert wurde dieses Konzept zuerst auf den florierenden französischen Weinbau übertragen und 1990 schliesslich auf alle landwirtschaftlichen Produkte. Die EU übernahm diese französische Errungenschaft bereits 1992 als Verordnung zum Schutz von geografischen Angaben und Ursprungsbezeichnungen für Agrarerzeugnisse und Lebensmittel. Seit 1997 gibt es auch in der Schweiz eine AOP/IGP-Verordnung, die sich stark daran orientiert. Seit 2011 sind Schweizer AOP- und IGP-Produkte in der EU geschützt.

AOP/IGP – ein nationales Bedürfnis
Die Schweizerische Vereinigung der AOP/IGP wurde 1999 gegründet. Die Vereinigung wird zur Hauptsache von den Branchenorganisationen (z.B. Walliser Raclette AOP oder St. Galler Bratwurst IGP) finanziert, welche ein eingetragenes AOP- oder IGP-Produkt besitzen. Einen Teil der Promotionsaktivitäten finanziert die Eidgenossenschaft im Rahmen der Absatzförderung der Landwirtschaft. Die Gesuche zur Anerkennung als AOP oder IGP bearbeitet das Bundesamt für Landwirtschaft.
Die geschützte Ursprungsbezeichnung AOP verlangt, dass Erzeugung und Verarbeitung eines Produkts ausschliesslich in einem präzise definierten geographischen Gebiet nach einem anerkannten und festgelegten Verfahren stattfinden.
Die Qualitätszeichen AOP oder IGP stehen für landwirtschaftliche Erzeugnisse mit einer engen und traditionellen Verbindung zu ihrem Ursprungsgebiet.
Es wird also nie Design-Appellationen geben wie eine Olympia-Wurst oder ein Walliser FIFA-Fondue…

Wieso nachhaltig?
Die Vorteile des Schutzes durch die Qualitätszeichen AOP und IGP werden auf verschiedenen Ebenen wirksam. Diese Label wirken nachhaltig, weil sie den Wert von regionalen Produkten und den Strukturen, die damit verbunden sind, unterstützen, fördern und langfristig sichern. Im besten Fall entsteht dadurch sogar eine Plattform für wirtschaftlichen Erfolg, der weit über die Region hinausreicht. Bestes Beispiel dafür ist Le Gruyère AOP.

Wirtschaftliche Nachhaltigkeit
Eine starke, bekannte und qualitativ verlässliche Marke ermöglicht mehr Umsatz und bessere Preise. Das verbessert das Einkommen der Produzenten, Verarbeiter und Dienstleister. Auch die positiven Effekte für die Ausstrahlung, die Wertschätzung und den Tourismus einer Region darf man als ökonomische Vorteile mitrechnen.

Soziale Nachhaltigkeit
Die strikten Vorgaben zu den Standorten von Produktion und Verarbeitung erhalten und schaffen Arbeitsplätze sowie interessante Nischen für Zulieferer und Dienstleister – und das oft in wirtschaftlichen Randregionen! Nicht zu unterschätzen: Ein verlässliches Angebot von interessanten Lehrstellen und Berufsperspektiven macht eine Region deutlich vitaler.

Ökologische Nachhaltigkeit
Durch die Konzentration von Produktion und Verarbeitung in einem überschaubaren Gebiet sind die Transportwege kurz. Das bedeutet eine exzellente Energiebilanz und klare Vorteile für die Qualität der Rohstoffe. Der Schutz traditioneller Haltungs- und Anbaumethoden unterstützt zudem die Erhaltung von Kulturlandschaften, die seit Jahrhunderten unser Land prägen und eine wichtige Rolle spielen als Lebensräume für viele Tier- und Pflanzenarten. Das gilt vor allem für Alpweiden, die es ohne Milchwirtschaft und Käseproduktion längst nicht mehr gäbe.

Kulturelle Nachhaltigkeit
Manche Lebensmittel sind noch wichtiger für die Identität einer Region als ein schöner Berg oder See. Sie spielen eine zentrale Rolle in Traditionen wie dem Alpabzug oder der Hülschete des Rheintaler Ribelmais, stehen im Zentrum von Festen oder prägen lokale Märkte. Wenn sie über die Region hinaus geschätzt werden, stärkt das auch das Selbstvertrauen in der Region.
Einige AOP/IGP-Produkte verlangen traditionelle Anbausorten (z.B. Rheintaler Ribelmais AOP) oder eine spezifische Verarbeitung (z.B. Bloderkäse AOP), die auf diese Weise dank der wieder belebten wirtschaftlichen Relevanz nicht nur in Museen erhalten bleiben, sondern weiterhin zum kulturellen Leben in der Region gehören.

Qualitative Nachhaltigkeit
Die hohen Ansprüche für die Erlangung eines zertifizierten Labels führen zu besserer Produktequalität.
Da AOP/IGP-Produkte auch als Souvenir oder Geschenk gekauft werden und dadurch eine starke emotionale Bedeutung erhalten, tragen diese Produkte massgeblich zum ausgezeichneten Image von Schweizer Lebensmitteln ausserhalb der Schweiz bei.
AOP-Produkte wie Gruyère oder Emmentaler gehören ohnehin zu den wichtigsten Lebensmittelexporten unseres Landes. Das Konzept ist nicht nur nachhaltig, sondern erfolgreich.

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