Cidre – Mehr als alter Saft
in neuen Flaschen

Ein uraltes Getränk wird durch neue Zutaten und geschickte Vermarktung zum Trend: Zwei Ostschweizer Familienunternehmen mosten für eine neue Generation von Geniessern und treffen den Zeitgeist. Das sind erfreuliche Aussichten für die Region.

Apfel Cidre Culinarium
Christoph Möhl Culinarium

Christoph Möhl schenkt reinen (Apfel-)Wein ein.

Englisch heisst er Cider, französisch Cidre und bei uns etwas weniger elegant Suure Moscht. Es ist ein uraltes Getränk, das bis heute in vielen Regionen Europas, in Nordamerika und Südafrika gern getrunken wird. Traditionell wichtigste Cidre-Produzenten sind die Normandie und die Bretagne in Frankreich. Seit einigen Jahren wird Cider rund um den Globus als hippe Alternative zu Bier und Wein vermarktet. Auch in der Schweiz ist laut Christoph Möhl von der Mosterei Möhl in Arbon «interessante Bewegung in die Szene gekommen».Um einen traditionellen Cider (ausgesprochen: saider) herzustellen, wird Apfelsaft unter Beigabe von Reinzuchthefe zwei Mal vergoren und im Holzfass zur Reife gebracht. Neu ist, dass Cider geschmacklich «gepimpt» wird – sei es durch die Zugabe von Aromen wie beispielsweise Erdbeere oder einen besonderen Ausbau (etwa im Rumfass). Das Thema Cider ist weder bei Möhl in Arbon noch bei Kobelt in Marbach wirklich «neuer Most». Beide haben seit rund zwanzig Jahren Cider im Sortiment (Swizly und Bartlis). Cider ist eine neue Bezeichnung für ein altbekanntes Produkt. Allerdings eines, das heute nach allen Regeln der Kunst verfeinert und vermarktet wird.

«Unzählige Geschmacksnoten»
Bei der Mosterei Möhl begann die Geschichte mit einem Fest: 1995 feierte das Familienunternehmen seinen 100. Geburtstag und stellte den Swizly vor, einen Apfelwein mit einem Schuss Süssmost und Holundersirup. Er war der erste «richtige» Cider im Sortiment. Keine Revolution, eher ein solider Ausbau des Angebots. «Es gab tatsächlich diesen Moment, da haben wir es erkannt: Wir produzieren ja längst Cider, wir haben ihm einfach andere Etiketten aufgeklebt», schmunzelt Christoph Möhl heute. Ob Cider, Cidre, Sidra, Siideri oder Zydr, ob Saft, Most oder Apfelwein: Am Ende des Tages sind das alles vergorene Äpfel. Und doch ist der neue Cider mehr als alter Saft in neuen Flaschen. Christoph Möhl hat sich intensiv mit dem aktuellen Markt befasst und ist sicher: «Mit unseren neuen Ciders sprechen wir ein trendbewusstes, urbanes Publikum an, vor allem die attraktiven early adopters. Das sind die Leute, die Produkte ausprobieren, noch bevor sie Mainstream sind.» Mit dem Cider-Angebot wagt Möhl bewusst neue Wege. Ein wichtiges Terrain sind die zahllosen Streetfood-Festivals. Es funktioniert. Doch auch die traditionellen Produkte sind immer mit dabei: Saft vom Fass, Shorley und Swizly. Der Weg von Tradition zu Trend ist heute sehr kurz.

Möhl Cidre Culinarium
Mosterei Kobelt Culinarium

Geoffrey, Ruedi, Karen und Jennifer Kobelt stossen mit ihrem aktuellen Cider Sortiment an.

Nicht neu, aber anders

Die Mosterei Kobelt, die sich als «kleinste Mosterei der Schweiz» bezeichnet, verfolgt eine ähnliche Strategie. Neben Most, Saft und Edelbränden bietet das Marbacher Familienunternehmen seit rund 20 Jahren den Bartlis an, einen Cider mit Bergamottesirup. Vor gut zwei Jahren wurde ihm der Bommet Cider (mit Birnel verfeinert) zur Seite gestellt, vor einem Jahr der gehopfte Cider Hopp. Ihren Bartlis entwarf die Mosterei Kobelt als Alternative zu den damals aufkommenden Alcopops. «Wir haben nichts Neues erfunden», sagt Jennifer Kobelt. Nichts Neues und doch etwas Anderes. Was die neuen Ciders auszeichnet, sind die beigefügten Aromen und der Ausbau – etwa im Sherry-, Rum-, Whisky- oder Weinfass. «Viele Produzenten versuchen, mit neuen Zutaten etwas noch Spezielleres zu kreieren», stellt Jennifer Kobelt fest. Und das findet sie auch ganz gut so, denn es bringe reizvolle Dynamik ins Spiel. Sie denkt dabei an ihren Vater und ihren Bruder, die liebend gern experimentieren.

 

Da wird lustvoll vergoren, gefroren, verdampft, eingekocht, verfeinert, gelagert, ausgebaut und abgerundet. Dazu verwenden Ruedi und Geoffrey Kobelt nicht nur Äpfel und Birnen, sondern die ganze üppige Früchte- und Beerenpalette der Ostschweiz. «Man kann aus allem Schnaps machen», zitiert Jennifer Kobelt ihren Vater und lacht. Bis jetzt hat dieses leidenschaftliche Tüfteln sechs verschiedene Ciders hervorgebracht. Und der nächste ist nur eine Frage der Zeit… Die Kobelts haben sich dank ihrer erfolgreichen Kernprodukte (Saft, Süssmost, Edelbrände) und mit dem neuen Cider-Sortiment einen viel versprechenden Weg in die Zukunft geebnet. Mit der ausbaufähigen Cider-Palette spreche man ein neues, etwas jüngeres, städtischeres Publikum an, glaubt Jennifer Kobelt. Ausserdem bekommt die Mosterei dafür Lob und wertvolle Publicity: Bei einer Degustation des Schweizer Obstverbandes gabs für alle vier eingereichten Ciders Diplome.

MOMÖ Möhl Museum

MoMö: Das Schweizer Mosterei- und Brennereimuseum in Arbon

Grosse Ereignisse
Das Jahr 2018 begann für die Firma Möhl mit einem Trommelwirbel im Frühling, als die Mosterei ihr Angebot mit ihrem Cider-Clan erweiterte: dem Straight Apple Cider, dem Grape Apple Cider und dem Juicy Apple Cider. Im Herbst folgte der Paukenschlag mit der Eröffnung des ersten Mosterei- Museums der Schweiz – dem MoMö! Seit einigen Jahren ist bei der Mosterei Möhl ein Generationenwechsel im Gange. Lukas und Georges, die Söhne von Geschäftsführer Markus Möhl werden zusammen mit Cousin Christoph das Unternehmen in fünfter Generation in die Zukunft führen. Geht es nach Christoph Möhl, wird dieser Wechsel nicht still und leise sein. Als Leiter Marketing und Produktentwicklung ist er mitten drin im Safthandwerk und hat viele Ideen.

Spritzig und spannend
Für Christoph Möhl ist der Cider-Clan eine Spielerei mit durchaus ernsten Absichten. Er hat noch viele Ideen, die er ausprobieren will. So hat Möhl im Herbst erstmals eine limited edition getestet. Der Punsch Apple war zack ausverkauft und wird erst wieder im nächsten Winter erhältlich sein. Solche spritzigen «Launches» will Christoph Möhl in Zukunft ab und zu lancieren. Mit ihnen werde ein Testmarkt geschaffen, und sie hielten das Interesse der Kunden wach. Derzeit wird auch bei den Kobelts fleissig getestet. Letztes Jahr lancierte die Marbacher Mosterei drei trockene Cider: den Sappermost, den Herrschaftina und den Sternabitzgi – jeweils limitiert auf ein Fass (das entspricht 600 bis 800 Fläschchen) und ebenfalls innert Kürze ausverkauft.

«Fast verstrupft»
Ruedi Kobelt führt das Unternehmen zusammen mit seiner Frau Karen, Sohn Geoffrey und Tochter Jennifer. «Bei uns machen eigentlich alle alles.» Man spürt es, diese Familie liebt was sie tut. Mosten, saften, brennen, gären, ausbauen, verkosten, präsentieren – das ist ihr Ding. Und vor allem die männliche Hälfte liebt das Experiment. Wann immer es die Zeit zulässt, tüfteln Vater und Sohn an neuen Nuancen und Noten. Eine Leidenschaft und eine Zeitfrage: «Letzten Herbst sind wir fast verstrupft mit all dem Obst», schmunzelt Ruedi Kobelt im Nachhinein. «Da mussten wir einfach anpacken, auch wenn uns die Muse küsste.» Noch nie in ihrer Geschichte gab es für die Mosterei Kobelt so viel Obst zu verarbeiten. Innerhalb weniger Wochen wurden 2000 Tonnen Äpfel gepresst. Vater und Sohn mosteten ganze Nächte lang.
Beide Mostereien, Möhl und Kobelt, nehmen ihren Lieferanten nicht einfach nur so viel Obst ab, wie sie vermosten, abfüllen und absetzen können – sie versuchen möglichst die gesamte Ernte zu verwerten. Doch das Ausnahmejahr 2018 brachte selbst die Grossmosterei Möhl an ihre Grenzen: Die Ostschweizer Obstbauern ernteten viermal so viele Äpfel wie im Jahr davor: 54 000 Tonnen Äpfel wurden angeliefert und vermostet.

Von der Fülle zum Fällen
Wenn Fülle zum Überfluss wird, kann das leicht im Überdruss enden. Christoph Möhl erzählt von der Zeit, als der Oberthurgau an einen Paradiesgarten erinnerte. Apfel- und Birnbäume wuchsen dicht an dicht. Im Frühling sah die Region aus wie ein Meer von Blumensträussen. Es war eine Blütezeit für Mostereien und Landwirte. Die Ernten wuchsen, bis der Markt übersättigt war. Der Staat hatte sich zur Abnahme des überschüssigen Obstes verpflichtet und sah sich riesigen Mengen gegenüber, auf denen er sitzenblieb. Es folgte ein dramatischer Einschnitt, eine unglaubliche Fäll-Aktion: Zwischen den Fünfziger- und den Siebzigerjahren wurden in der Schweiz rund 1,5 Millionen Obstbäume liquidiert – eine Zäsur im Obstbau und auch in der Geschichte der Mostereien Möhl und Kobelt.

Ernteanlieferung in Arbon

Reges Treiben auf dem Areal der Mosterei Kobelt

Wachstum und Perspektiven
Diese schwierigen Zeiten sind überwunden. Die Mosterei Kobelt hat sich mit ihrem «Kleinsein» arrangiert, die Atmosphäre ist familiär. Insgesamt sind bei den Kobelts neun Mitarbeitende beschäftigt. Wenn es kritisch wird, wie im letzten Herbst, dann helfen auch Bekannte und weitere Verwandte mit. Ein Aspekt, der sich heute für das regionale Unternehmen als ungeahnt wertvoll erweist ist die Nähe zu den Lieferanten.
«Viele Betriebe sind seit Generationen unsere Partner», freut sich Jennifer Kobelt. «Manche bringen beim Liefern ihre Kinder mit, man tauscht sich aus. Und am Ende der Saison wissen wir was, wo und wieso läuft», erzählt sie lachend. Doch auch die «kleinste Mosterei» bleibt vom Wachstum nicht verschont. Der Firmensitz in Marbach platzt aus allen Nähten. Die «Tradition in der vierten Generation» muss eine nachhaltige Lösung finden für die Infrastruktur. Ideell steht das Unternehmen auf festem Fundament: Man weiss, wo man hinwill. Die Schlüsselbegriffe sind Passion, Qualität und Region. Bei Möhl in Arbon sieht man das genauso. Das sind erfreuliche Aussichten für die Ostschweizer Obstbauern.