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Stadt Land

Sie haben sich von aller Anfang an nie verstanden. Doch sie waren immer aufeinander angewiesen. Die Idee vom «Genuss aus der Region» überwindet den Graben zwischen Stadt und Land leichter als die Politik und schafft wertvolles gegenseitiges Verständnis.

Stadt Land

Ihr habt es ja so gut hier draussen! Diese frische Luft, diese Ruhe! Soooo schön! Bevor man jetzt über einen vermeintlich doofen Zürcher lächelt, muss man sich bewusst sein, dass die Verklärung des Landlebens eine uralte Geschichte ist. Schon bei den alten Griechen und Römern findet man Texte von Menschen, die den Gestank und die Hektik ihrer Stadt hassen und sich in die ländliche Idylle hinauswünschen. Oh, das wunderbar sorgenlose Leben auf dem Land! Das Wort Idylle stammt aus dem Griechischen, und es bedeutet schönes Bildchen. Mit den idealisierten Bildchen und der Sehnsucht der Städter wird auch heute noch ausgiebig Werbung gemacht für landwirtschaftliche Produkte. Auch CULINARIUM verwendet gern ein stimmungsvolles Landschaftsbild oder ein fröhliches Kind mit frischem Gemüse, um seine Anliegen sympathisch zu illustrieren. Aber was soll man denn sonst zeigen? Güllefässer oder Hagelschäden?

Das schöne Landleben

Ein Risiko der schönen Bilder und vollmundigen Versprechungen ist das Risiko, die Konsumenten zu enttäuschen. Das Landleben ist selten so malerisch und entspannt wie in den Werbespots der grossen Detaillisten und den Landlifestyle-Postillen am Kiosk. Moderne Landwirtschaft funktioniert heute mit Ausnahme von wenigen Nischen mit industriellen Methoden. Der wirtschaftliche Druck ist hoch, die Ansprüche der Händler und Kunden zum Teil kaum erfüllbar. Um den Markt mit den perfekt normierten Lebensmitteln zu stillen, die er verlangt, braucht es viel unromantische Technologie: Traktoren, Treibhäuser, Werkhallen, Silos und nicht zuletzt Chemie. Dünger, Medikamente für die Tiere und Pflanzenschutzmittel. Gegen Unkraut, gegen Pilze und Bakterien und gegen ein Heer tierischer Schädlinge, für die das dicht gedrängte Getreide, Gemüse und Obst ein gefundenes Fressen sind.

Der Graben

Die deutsche Bundeskanzlerin, Angela Merkel, hat mit ihrer Rede am WEF 2020 in Davos viele überrascht: Sie erkennt als wichtigstes Spannungsfeld der Gegenwart das Verhältnis zwischen Stadt und Land. Ihre Begründung: «Der ländliche Raum trägt stark dazu bei, die Veränderungen zu ertragen, während der städtische Raum diese Veränderungen viel schneller für sich nutzen kann.» Wir verstehen ihre Einsicht. In unserem Land prägt kaum ein Gegensatz Politik, Wirtschaft und Zusammenleben stärker als der Graben zwischen Stadt und Land. Der intensive Austausch zwischen den beiden «Welten» ist gleichzeitig ein wirtschaftlicher Motor. Die Schweiz wäre nicht die Schweiz ohne diese ständige Reibung. Aus dieser Einsicht heraus ist das Ständemehr entstanden. Es soll ein Gleichgewicht zwischen städtischen und ländlichen Interessen gewährleisten. Doch das Ungleichgewicht wächst mit den urbanen Zentren. Heute leben rund 85 Prozent der Schweizer Bevölkerung in Städten und ihren Vororten. Immer mehr Menschen haben keine Wurzeln mehr auf dem Land, geschweige denn in der Landwirtschaft.

Die Stadt, die verdient, und das Land, das kostet?

Die Entfremdung der urbanen Konsumgesellschaft vom Landleben und die stark von den Medien geprägten Ideen, wie die Landschaft, das Essen und die Welt «da draussen» sein sollten, führen zu unrealistischen Ansprüchen und dann zu Enttäuschungen. Manche Städter ärgern sich über den politischen Einfluss der Ländler und ihre vermeintliche Rückständigkeit, die urbane Anliegen blockiert. Man hat unterschiedliche Ansichten beim Tierschutz (Beispiel Wolf ) oder bei der Verkehrspolitik. Das Unverständnis gegenüber der Landbevölkerung und insbesondere der Landwirtschaft wächst. Einerseits in wirtschaftsliberalen Kreisen (z.B. Avenir Suisse), anderseits bei Umweltschutzorganisationen und veganen und vegetarischen Interessengruppen. Sie stellen zunehmend aggressive Fragen: Wie viel Land braucht die Schweiz, und wie viel Land kann sie sich noch leisten? In diesem vergifteten Klima entstehen politische Vorstösse wie die Trinkwasser-Initiative, wo zwar realitätsfremd, aber im Endeffekt sehr real über eine städtische Wunschwelt abgestimmt werden wird.

Wieso braucht die Schweiz Landwirtschaft?

Selbstverständlich soll die Gesellschaft über die Landwirtschaft diskutieren, sie unterstützt sie schliesslich mit grosszügigen Beträgen. Es ist aber unfair, dass man die Landwirte vor unlösbare Widersprüche stellt, wenn man einerseits zuverlässige Versorgung mit perfekten Produkten fordert, und sie dafür am liebsten keinen Grashalm mehr krümmen dürfen. Bevor man die Landwirtschaft also in einer sonntäglichen Laune einfach abstraft, sollte man darüber nachdenken, was die Landwirte in der Schweiz alles leisten. Die folgende Aufzählung ist nicht vollständig:

  • Zuverlässige Versorgung mit Lebensmitteln in hoher Qualität
  • Die Pflege von Kultur- und Naturlandschaften
  • Die Erhaltung der kulturellen und geschichtlichen Identität (Bräuche, Traditionen, Kulinarik)
  • Die Bereitstellung von Infrastruktur für den Erholungsraum (Zufahrtsstrassen, Alpwege, Picknick wiesen, Besenbeizen etc.)
  • Eine touristisch wertvolle Bühne für das Ausleben der urbanen Sehnsüchte …

Sich begegnen, sich besser verstehen

CULINARIUM hat viel Erfahrung mit den zahlreichen Missverständnissen zwischen Städtern und Ländlern. Der Trägerverein bewegte sich von Anfang an in diesem Spannungsfeld. Was wir immer wieder beobachtet haben: Kommen Ländler und Städter ernsthaft miteinander ins Gespräch, folgt bald das Aha! Es wird nachvollziehbarer, wieso man was wie produziert. Der nicht ganz so freie und friedliche Alltag auf dem Bauernhof wird verständlicher. Im Gespräch entwickeln die meisten Menschen Verständnis. Erfahrungsgemäss empfinden Konsumenten regionale Produkte auch dann als nachhaltig und wertvoll, wenn sie mehr über ihre Herstellung wissen. CULINARIUM versucht deshalb, solche Begegnungen zu ermöglichen. Ein gutes Beispiel sind die St. Galler Genusswochen und der Genusstag, wo es zahlreiche Möglichkeiten gibt, die Produktion von Lebensmitteln mitzuerleben oder zumindest mit Produzenten ins Gespräch zu kommen.

Der regionale Gedanken hat Zukunft!

Wird die regionale Philosophie konsequent umgesetzt und von den Konsumenten genutzt und fair belohnt, erfüllt sie viele der Ansprüche der Stadtmenschen an die Landwirtschaft:

  • Nachhaltigkeit durch möglichst kurze Transportwege der Produkte und kurze Arbeitswege
  • Mehr Bewusstsein für Saisonalität und die Launen der Natur
  • Erhaltung wertvoller Kulturlandschaften
  • Attraktive Aufwertung des kulinarischen Angebots auf dem Land
  • Grössere Autonomie und weniger finanzielle Abhängigkeit der Randregionen durch regionale Wertschöpfung und Arbeitsplätze.

Der globale Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit hat viele Entwicklungen in Gang gesetzt und beflügelt, die gut zu den Zielen von CULINARIUM passen. Mit dem wachsenden Umwelt- und Klimabewusstsein der jungen Generationen bekommt das Thema Nachhaltigkeit in allen Formen einen grösseren Stellenwert. Regionalität erkennen wir selbstbewusst als ihre kleine Schwester. Sie erfüllt viele Anliegen moderner Konsumenten. Die Idee vom Genuss aus der Region hat heute das Zeug zu einer regionenübergreifenden Bewegung. Eine Bewegung, die hoffentlich Stadt und Land in Zukunft stärker verbindet.

«Ist es überhaupt noch vertretbar, auf dem Land zu leben?»

Urs Schneider, Vizedirektor und Kommunikationschef des Schweizer Bauernverbands nahm am regio.tag in Rorschach teil am Podiumsgespräch. Danach nahm er sich Zeit für einige spannende Antworten.

Urs Schneider

Wie schätzen Sie das aktuelle Verständnis für ländliche Realität und ländliche Anliegen in der Schweiz ein?

Die Entfremdung hat schon zugenommen. Nicht mehr viele Leute haben durch Verwandtschaft, Bekanntschaft oder Herkunft einen direkten Draht zur Landwirtschaft. Dafür interessieren sich die Menschen in der Stadt zunehmend für Fragen rund um die Ernährung und damit zumindest indirekt für die Landwirtschaft.

Was tut der SBV, um das Verständnis zu fördern? Was gibt es sonst noch für Akteure, die dasselbe Ziel verfolgen?

Im Rahmen der Basiskommunikation haben wir viele Massnahmen, um das Verständnis zu fördern und der Distanz entgegen zu wirken. Einerseits versuchen wir, möglichst viele Leute an Events auf die Bauernbetriebe zu bekommen, z.B. mit dem 1.-August-Brunch, dem Tag der offenen Hoftüren, den Projekten Stallvisite oder Hoftheater sowie mit Direktvermarktung, welche wir mit «Vom Hof» fördern. Unsere Mitgliedorganisationen beteiligen sich an den Massnahmen oder lancieren vergleichbare Angebote wie z.B. «Von Hof zu Hof». Wir wollen mit unseren Botschaften stärker in die Städte und Agglomerationen kommen. Da spielen Messeauftritte, Mediakampagnen und zunehmend die sozialen Medien eine wichtige Rolle. Besonders begrüssen wir natürlich Initiativen, die Gastronomie und Produzenten zusammenbringen, wie das CULINARIUM vormacht.

Wie kann der einzelne Landwirt mithelfen, dass die Brücken zur Stadt nicht abbrechen?

Die Bauernfamilien können sich an den erwähnten Projekten beteiligen und alle Möglichkeiten für den Dialog nutzen, sei es direkt, über Produktangebote oder über die sozialen Medien.

Wo sehen Sie die Rolle der Landwirtschaft in einer urbanen Schweiz der Zukunft?

Das gibt der gültige Verfassungsauftrag die klare Antwort. Die Landwirtschaft gewährleistet die Versorgung der Bevölkerung mit gesunden, nachhaltig produzierten Lebensmitteln. Sie leistet einen Beitrag zum Erhalt der Lebensgrundlagen und pflegt die Kulturlandschaft nicht zuletzt durch die dezentrale Besiedelung unseres Landes.

Was sind für Sie gute Beispiele für den gelingenden Austausch zwischen den beiden Welten?

Begegnungen jeglicher Art. Wenn am 1. August-Brunch 150’000 Leute auf die Bauernhöfe kommen, ist das ein Gewinn für beide Seiten. Wichtig ist aber auch der indirekte Kontakt über den Genuss von Produkten. Wenn beim Essen, sei es im Restaurant oder zu Hause, der Konsument hinter dem Produkt auch den Produzenten sieht, ist das eine wertvolle «Begegnung».

Welche Rolle spielen die Grossverteiler in diesem Spannungsfeld?

Sie setzen mit vielen Produkten auf Regionalität und Swissness. Das ist erfreulich. Wichtig ist, dass sie es nicht nur in der Werbung tun, sondern auch in der Praxis umsetzen. Sie können auch einen wichtigen Beitrag leisten, dass mit einheimischen, regionalen Produkten für alle ein Mehrwert geschaffen werden kann.

Provokativ aus Stadtsicht gefragt: Ist es überhaupt noch ökologisch und wirtschaftlich vertretbar, auf dem Land zu leben und auf Unterstützung angewiesen zu sein?

Voll und ganz! Die Landwirtschaft deckt das wichtigste Grundbedürfnis des Menschen ab, die Ernährung. Unser Ziel ist es, dass das Einkommen der Landwirte möglichst über den Verkauf der Produkte erzielt werden kann. Es ist aber auch berechtigt, dass gemeinwirtschaftliche Leistungen der Landwirtschaft abgegolten werden. Diese «Unterstützung» dient der ganzen Gesellschaft.