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Wo Stadt und Land sich innig berühren

Von April bis November fahren auf dem Marktplatz in St. Gallen jeden Freitag im Morgengrauen die Bauern auf. Sie bringen ein Stück Land mit, all die guten Sachen, die sie auf ihrem Land angebaut und produziert haben. Seit über 30 Jahren gibt es hier, im Herzen der Stadt, Obst, Gemüse, Fleisch, Eier, Milchprodukte und Backwaren «direkt vom Puur».

Maktszene Verkauf St. Galler Bauern Markt

Ein Morgen im September. Um halb sieben stellen die ersten Marktfahrer vom Land ihre Stände auf. Ein paar Kunden warten bereits. Sie warten auf «ihren Bauern». Sie wollen noch vor der Arbeit frische, saisonale Produkte erstehen – denn später am Vormittag sind die Auslagen nicht mehr so üppig. Wobei, das Sortiment ist fast unüberblickbar: Him-, Brom- und Heidelbeeren, Tomaten, Gurken, Zucchetti, Kohl, Lattich und Salate, aber auch Dörrfrüchte, Frischfleisch, Kartoffeln, Rüebli, Kräuter, Blumen, geschälte Baumnüsse, Sirup, Käse, Konfitüre, Brot, Kuchen und Guetzli. Für einen schnellen, feinen Zmittag werden Spätzli, gekochte Randen, Kürbismus angeboten. Kostenlos gibt es ein freundliches Wort, einen aufmerksamen Blick, einen Apfel oder ein Rüebli für die kleinen Besucher. Man kennt sich. Wer einmal hier einkauft, kommt gerne wieder.

Kundenbindung

«Wir haben vorwiegend Stammkunden», sagt Rolf Bischofberger. Er ist Biobauer in Oberegg AI, eine halbe Stunde Fahrt vom Stadtzentrum. Rolf ist Präsident des Vereins Bauernmarkt. Er und seine Frau Judith sind Marktfahrer der ersten Stunde. Sie waren schon dabei, als morgens in der Früh drei Stände aufgestellt wurden, drei Stände für drei Bauern. Eine Verkaufsfläche, die sie heute allein für ihre Produkte brauchen. Die Palette ist vielfältiger geworden, man ist den Kundenwünschen entgegengewachsen. Wie Bischofbergers ist es den meisten Ausstellern ergangen. Der Bauernmarkt ist eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte. «Alle haben etwas davon», sagt Rolf Bischofberger. «Wir Bauern haben einen zusätzlichen Verdienst, die Konsumenten bekommen frische, saisonale Landwirtschaftsprodukte, und die Stadt wird durch den Markt bereichert.»

Marktfahrer prägen das Bild eines Berufsstandes

Die Kundschaft ist so bunt wie die Auslagen der Anbieter. Hier trifft man Jung und Alt, im Hipster-Look und im Businessanzug. Aktuell begegnet man am St. Galler Bauernmarkt den Familien Andermatt, Bischofberger, Eigenmann, Schildknecht, Knechtle, Sager, Rimle & Ackermann, Thurnheer, Troxler und den Bäuerinnen Häggenschwil. Sie alle sind nicht nur Marktfahrer, sondern auch Botschafter. Mit ihren Ständen mitten in der Stadt prägen sie das Bild eines ganzen Berufsstandes, dessen sind sie sich bewusst. «Wir bringen das Land in die Stadt», sagt Rolf Bischofberger und lächelt. Die meisten Kunden kommen zwischen 8 und 11 Uhr. Um 13 Uhr werden die Auslagen geräumt und es wird abgebaut. Die Bäuerinnen und Bauern sowie ihre Helferinnen und Helfer fahren heim. Sie haben einen Hof, der auf sie wartet. Manche brauchen auch erst mal eine Mütze Schlaf. Zum Beispiel Judith Bischofberger, die gelernte Bäckerin/Konditorin, die die Nacht vor dem Markttag in der Backstube verbringt. Ihre Biobrote, Fruchtfladen, Gipfeli und Bürli gehen in der Stadt weg «wie warme Weggli».

Endlich einmal Kinderäpfel!

Auf dem Bauernmarkt zählen innere Werte, nicht Perfektion. Hier dürfen die Rüebli auch mal krumm, die Äpfel kleiner sein. «Die Konsumenten sind offener», freut sich Rolf Bischofberger. Letzthin habe ein Kunde gemeint: «Endlich finde ich richtige Kinderäpfel!» Bischofberger schätzt den Austausch mit den Städtern. Viele seiner Kunden kennt er schon länger. Sie sprechen ihn mit «Du» an. Der Wunsch nach einem persönlichen Bezug hat in den letzten Jahren klar zugenommen. Rolf Bischofberger fällt auf: «Die Kundinnen und Kunden mögen es, bei ‹ihrem Bauern› einzukaufen.» Eine Entwicklung, die er schätzt. Die Kundennähe macht das Marktleben besonders. Denn hier kommt nicht nur ein Teil des Einkommens her, hier bekommen die Bischofbergers und ihre Kolleginnen und Kollegen auch eine direkte Rückmeldung auf die Produkte, die sie angebaut, gezüchtet und verarbeitet haben.

Begegnungen

«Der Markt, das sind viele interessante Begegnungen», schwärmt Rolf Bischofberger. Er und seine Frau Judith sind leidenschaftliche Marktfahrer. Sie geniessen den Kontakt, die Resonanz, die Gespräche. Bischofberger findet nicht, dass sich Stadt- und Landmenschen im Kern unterscheiden, doch er erkennt, dass sie Leben mit deutlich verschiedenen Schwerpunkten führen. Und mittlerweile ist ihm auch bewusst, dass sie unterschiedliche Vorstellungen vom jeweils anderen haben. So kennt er einen Banker, der freitags regelmässig auf ein Gipfeli und ein Gespräch vorbeikommt, bevor er in die Welt der Zahlen eintaucht. «Anfangs hat er öfters gesagt, wir Bauern hätten schon ein wunderbares Leben, wir arbeiteten in der freien Natur», erzählt Bischofberger. Diesem idealisierten Berufsbild begegne er häufig. Man werde regelrecht beneidet. «Es stimmt ja auch. Wir sind tatsächlich freier als jemand, der in einen Büroalltag eingebunden ist. Allerdings hat auch im Bauernstand die Bürokratie markant zugenommen. Zudem haben wir Landwirte kaum Ferien oder Freitage. Das wird häufig übersehen.» Der Austausch am Markt baut Brücken und schafft Verständnis. Und natürlich drehen sich die Gespräche um vieles mehr, um Politik und das Wetter, die Ernte und um ganz alltägliche und persönliche Dinge.

Standbein

Für die beteiligten Bauern ist das Marktfahren keine Liebhaberei, sondern ein wichtiges wirtschaftliches Standbein. Allerdings eines, das kostet. Für die 35 Markttage pro Jahr bezahlt der Verein St. Galler Bauernmarkt an die Stadt jährlich 10 000 Franken. Für Rolf Bischofberger ist das eine gut investierte Summe. Letztes Jahr ist der Markt von der Neugasse auf den Marktplatz umgezogen. «Der Platzwechsel hat sich wider Erwarten positiv ausgewirkt», sagt Rolf Bischofberger. «Der Marktplatz ist ruhiger und kompakter geworden.» Sein Verein hatte sich zunächst gegen die Pläne der Stadt gewehrt. «Am Marktplatz sind ständige Anbieter, wir fürchteten, es könnte nicht mehr transparent sein, wer zum Bauernmarkt gehört.» Genau dies, dass es authentisch bleibt, ist der Punkt. Es ist deshalb gut, grenzen sich die Marktstände der Bauern durch die gelben Dächer ab. Die Stände, an denen Bündnerfleisch aus Argentinien oder Ananas angeboten wird, gehören gut ersichtlich nicht dazu.

Zurück zum Ursprung

Regional und saisonal ist auch nach über 30 Jahren die Kerndevise des St. Galler Bauernmarkts. Das Einzugsgebiet der Marktfahrer erstreckt sich rund um die Stadt bis ins Fürstenland, an die Ufer des Bodensees und ins Appenzellerland. Gemeinsam decken sie die erwünschte Vielfalt ab. Manche seit den Anfängen, als sich Bauern und Bäuerinnen aus St. Gallen und Umgebung mit dem St. Galler Bauernverband, dem Konsumentinnenforum Ostschweiz unter Präsidentin Ruth Zürrer, dem Journalisten Reto Voneschen und Stadtrat Peter Schorer zusammenschlossen. Ihr Ziel: ein Wochenmarkt, auf dem wieder wie früher regionale Produkte «direkt vom Bauernhof» angeboten würden. Das Angebot sollte vom Land rund um die Stadt stammen. Zurück zum Ursprung des Marktgedankens. Der St. Galler Bauernverband kontaktierte die Bauern der Region und bekam weit mehr Rückmeldungen, als Platz da war. Zehn Anbieter wurden damals ausgewählt, die das gewünschte Sortiment abdeckten. Die meisten sind bis heute dabei. «Wir werden jedes Jahr von neuen Interessenten angefragt», sagt Rolf Bischofberger. «Doch momentan ist das ganze Spektrum gut abgedeckt. Es müsste jemand wirklich neue Produkte mitbringen.»

Die Stadt ermöglicht Wachstum

Der Bauernmarkt wächst. Nicht in die Breite, aber in die Tiefe: Das Angebot wird immer differenzierter. Rolf und Judith Bischofberger und ihren Marktkollegen macht es Freude, die Bedürfnisse ihrer Kundinnen und Kunden zu erspüren und darauf zu reagieren. So finden sich an Bischofbergers Stand neben dem beliebten Urdinkelbrot, den Baumnussgipfeln und den ungespritzten Biotomaten zu Ostern auch natürlich gefärbte Eier. Mittlerweile stehen an ihren drei Ständen jeweils vier bis fünf Verkäuferinnen und Verkäufer. Sie büscheln und drapieren, sie lächeln, plaudern, werfen einem Vorbeigehenden eine freundliche Bemerkung zu, sie wägen ab, packen sorgfältig ein, reichen ein prall gefülltes Säckli über die Theke. Land und Stadt begegnen sich hier auf ganz ursprüngliche Weise.

Marktstand Beeren
Marktstand
St. Galler Bauernmarkt RB

Gründungsmitglied und Präsident des Vereins Bauernmarkt: Rolf Bischofberger

St. Galler Bauernmarkt

Handvoll Bauern, Bäuerinnen und Bäuerinnenvereine den ersten Markttag mit einem bescheidenen Sortiment aus Obst, Gemüse, Backwaren und etwas Konfiture. Heute ist der St. Galler Bauernmarkt aus der Altstadt nicht mehr wegzudenken. Er findet von Anfang April bis Ende November jeden Freitagmorgen zwischen 7.30 und 13.00 Uhr auf dem Marktplatz beim Vadian-Denkmal statt.

Marktszene Blumen Bauern Markt St. Gallen
Gemüse Marktstand

Eine uralte Institution erlebt ihren zweiten Frühling

Saisonalität bedeutet für den Regionalgeniesser nicht eine Einschränkung, für ihn ist der Wechsel des Angebots eine Quelle der Inspiration für die Küche. Jeder Monat bekommt so seinen unverkennbaren Geschmack und Geruch. Viele kulinarische Traditionen und Rezepte der Ostschweiz entstanden aus der natürlich wechselnden Verfügbarkeit der Lebensmittel.

Wo sich Stadt und Land begegnen

Der Markt ist (neben dem Hofladen) die klassische Schnittstelle, wo das regionale Angebot die Nachfrage trifft, wo sich Stadt und Land begegnen. Heute gibt es in vielen Städten und Dörfern einen Markt mit regionalen Produkten «direkt vom Puur». Am Stand begegnet man in der Regel den Menschen, die die Produkte auch gepflanzt, geerntet und verarbeitet haben. Das Sortiment wird häufig mit Produkten befreundeter Höfe ergänzt, um eine grössere Vielfalt anbieten zu können. Im Kanton St. Gallen, im Appenzellerland und in Liechtenstein findet man eine attraktive Auswahl an Bauernmärkten. Bei einem gemütlichen Marktbummel lässt sich viel über landwirtschaftliche Produkte und Kulinarik lernen. Die Marktfahrer geben gerne und kompetent Auskunft, liefern Ideen für die Küche und gute Geschichten für die Gäste.

Die Fachstelle Bäuerliche Hauswirtschaft und Ernährung am Landwirtschaftlichen Zentrum des Kantons St. Gallen in Salez publiziert jedes Jahr eine Liste aller Ostschweizer Bauernmärkte. Sie steht zum Herunterladen bereit auf: