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Wurzeln, Vertrauen, Heimat – In der Krise liegt das Gute näher

Ein Gespräch mit Mr. Regionalität, Urs Bolliger, über eine unerwartete neue Situation, über ihre Risiken und Chancen und über die Arbeit des Trägervereins CULINARIUM in aussergewöhnlichen Zeiten.

Der Trägerverein CULINARIUM hat aus einer visionären Idee, eine breit abgestützte Bewegung entwickelt. Wichtig ist, den Menschen die Bedeutung und den Mehrwert der einheimischen Produkte bewusst zu machen. Alle haben die Verantwortung, dass Traditionen, kulturelles Erbe und Landschaft, auch Heimat genannt, bestehen bleiben.

Diese Idee ist bei den Menschen angekommen. Wer heute ein «Regiojoghurt» mit polnischen Erdbeeren anbietet, muss mit harter Kritik rechnen. Auch aufseiten des Angebots ist enorm viel passiert.

Wer hätte gedacht, dass wir einmal Hartweizen in der Schweiz anbauen? Dass Köche und Bäcker zuverlässig mit Schweizer Baumnüssen planen können? Und, dass regionales Bier mit heimischer Braugerste möglich werden wird?

Und heute?

… stehen wir mitten in der Coronakrise und die Leute realisieren am simplen Beispiel von Toilettenpapier, dass es selbst in einem der reichsten Länder der Welt keine Selbstverständlichkeiten gibt. Den Menschen ist schlagartig klar geworden, wie wichtig eine funktionierende Nahversorgung ist und dies weit über den Lebensmittelbereich hinaus. Insbesondere in der Arbeitswelt erlebten viele Berufsleute, wie schnell sich etablierte globale Lieferketten quasi in Luft auflösten.

Welche anderen Entwicklungen beeinflussen die Aufgaben von CULINARIUM?

„Es sind aktuell zwei Themen: Der Stadt-Land-Graben und Nachhaltigkeit. Wobei sich das Stadt-Land-Thema in der Krise etwas entspannt hat. Die neue Homeofficekultur stellt einige Dinge auf den Kopf. Im Immobilienmarkt sieht man bereits eine erhöhte Nachfrage nach «peripheren» Standorten. Die Städter zieht‘s wieder aufs Land! Das Thema Nachhaltigkeit wird sofort wieder stärker in den Fokus rücken, sobald wir Covid-19 medizinisch im Griff haben.“

Was sind die wichtigsten Gründe, dass Konsumenten heutzutage regionale Produkte kaufen?

„Regionale Produkte geniessen ein höheres Vertrauen und sind nachhaltiger, nicht nur auf der ökologischen Ebene, sondern auch ökonomisch. Sie sichern Arbeits- und Ausbildungsplätze, insbesondere in ländlichen Regionen. Und regionale Produkte sind selbst in der Krise verfügbar. Das Bewusstsein für die Nahversorgung ist durch die Krise klar grösser geworden.“

Wie wird der Begriff Region bei CULINARIUM definiert?

„CULINARIUM setzt sich dafür ein, dass das, was draufsteht, auch wirklich drin ist, also in der Region gewachsen und verarbeitet. Aus diesem Grund definieren wir die Regionen auf zwei Ebenen: Wir arbeiten mit Mikroregionen wie Toggenburg, Rheintal oder Appenzellerland und mit den beiden Makroregionen Ostschweiz und Grossraum Zürich.“

Wie ist der Trägerverein CULINARIUM von der Pandemie betroffen, und wie hat er darauf reagiert?

„Wir erleben zwei Arten von Betrieben: Produzenten, die in den Detailhandel liefern oder im eigenen Laden verkaufen, erleben einen veritablen Boom. Betriebe, die viel in die Gastro- und Eventbranche liefern, leiden enorm und fahren ihr Kommunikations- und Marketingbudget möglichst gegen null. Uns selbst betrifft stark, dass viele Messen und Events abgesagt werden mussten.. Wir haben deshalb unsere Kommunikation stark in den Online- und Printbereich verschoben und dabei viel gelernt.“

Wie hat CULINARIUM seine Mitglieder während der Coronakrise unterstützt?

„Im ersten Lockdown schufen wir die Plattform «Da! für dich», wir organisierten Gutscheinaktionen und boten Filmporträts zu sehr freundschaftlichen Konditionen an. Auch mit der Online-Wahl der CULINARIUM-Könige, die uns viel Grips und Aufwand abgefordert hat, produzieren wir wertvolle Aufmerksamkeit für unsere Mitglieder und Partner.“

Ein wichtiges Thema vor Corona war der Appetit vieler Menschen auf mehr Erlebnis und Teilnahme rund um Einkaufen, Essen und Trinken.
Ist das komplett vom Tisch, oder gibt es da neue Ideen?

„Erlebnisse und sozialen Kontakt vermissen ganz viele Menschen. Ich behaupte, dass der Nachholbedarf riesig sein wird. Die Lust auf Essen im Restaurant, auf Ferien, auf Begegnungen mit neuen Menschen, die spüren wir ja jetzt schon intensiv. Die grosse Frage ist: Wann wird es wieder möglich?“

Die Coronakrise hat das Konsumverhalten und die Bedürfnisse vieler Menschen verändert.
Welches sind die wichtigsten Veränderungen für die Arbeit von CULINARIUM?

„Mehr Homeoffice bedeutet, dass der Ausserhauskonsum abnimmt und der Verkauf über den Detailhandel und Fachhandel zulegt. Was noch niemand sagen kann, ist, ob das nur ein kurzzeitiges Phänomen ist oder ob das auch längerfristig anhalten wird.“